
Transkript meines
PodcastHallo und herzlich willkommen. Heute liegt hier ein Stapel Papiere vor uns und der hat es wirklich in sich. Wir haben hier ein hochoffizielles Zertifizierungsschreiben, ein sehr, sehr tiefgehendes technisches Gutachten und dann noch ziemlich angespannten Schriftverkehr zwischen Anwaltskanzleien.
Und unsere Mission heute ist es, das mal für Sie zu entschlüsseln. Wir wollen verstehen, warum die Rotorblätter von modernen Windkraftanlagen durch einen simplen Blitzschlag katastrophale Schäden erleiden können?
Genau. Und wie aus diesem technischen Problem dann eine juristische Auseinandersetzung wird, bei der es um Millionen geht.
Es ist eine Geschichte über Blitze, moderne Werkstoffe und einen Streitwert, der einem schwindelig macht.
Also, packen wir es an.
Um da wirklich zum Kern vorzudringen, müssen wir uns die Technik anschauen. In den Unterlagen ist immer wieder die Rede von Blitzschutzsystem, kurz LPS. Das ist der Dreh- und Angelpunkt von allem.
Und da gibt es eine Vorgeschichte, das sehen wir in dem Schreiben der Zertifizierungsstelle DNVGL an den Hersteller Vestas. Das ist von 2020. Da gab es ja anscheinend schon mal ein System, das ganz gut funktioniert hat.
Genau. 2012 hat Vestas das System LPS 1 eingeführt. Und laut Vestas selbst, das schreiben Sie hier, hat sich das im Feld auch wirklich gut bewährt.
Also wenig Schäden, alles lief.
Richtig, Sie sprechen von nur geringen Schäden an der weltweiten Flotte. Klingt also erstmal nach einer Erfolgsgeschichte.
Moment mal, da muss ich kurz einhaken. Wenn das alte System dieses LPS1, wenn das doch so gut war, warum um alles in der Welt führt man dann ein neues ein? Das ist doch die erste Frage, die man sich stellt.
Das ist die große Frage, die so ein bisschen über allem schwebt und die Dokumente nicht explizit beantworten. Ging es da vielleicht am Ende, wie so oft, halt einfach ums Geld?
Materialeinsparungen, Kosten, sowas in der Richtung.
Könnte man vermuten. Fakt ist jedenfalls, 2016 kam das Nachfolgesystem LPS2. Und ganz wichtig, das müssen Sie wissen. Dieses System wurde von DNVGL, das ist eine der führenden Zertifizierungsstellen weltweit geprüft und als konform mit der Industrienorm zertifiziert.
Das heißt, es gab einen offiziellen Stempel, der sagt, alles sicher, alles nach den Regeln der Technik.
Genau. Und jetzt kommt der Punkt, der ist wirklich der Knackpunkt.
Ja, das ist unglaublich, als ich das gelesen habe. In genau diesem offiziellen Schreiben räumt Vestas selbst ein, dass das neue zertifizierte LPS-2-System in bestimmten Situationen einen geringeren Schutz bietet als das alte LPS-1-System.
Das ist eine ziemliche Bombe. Der Hersteller gibt also schriftlich zu, unser neues System ist in manchen Fällen ein Rückschritt.
Exakt. Das ist, als würde ein Autohersteller sagen. Unser neuer Airbag funktioniert, aber der alte war in manchen Unfällen irgendwie sicherer.
Und was waren dann die Konsequenzen in der Praxis? Gab es diese Schäden dann auch wirklich?
Und wie es die gab? Gerade an Standorten mit Blitzen hoher Intensität kam es zu erheblichen Schäden. Die Konsequenz war dann, dass Vestas sozusagen die Notbremse ziehen musste.
Das heißt?
Sie haben das LPS-2-System wieder auslaufen lassen und ein neues, optimiertes System namens OLPS entwickelt plus Nachrüstunglösungen für die Anlagen, die schon draußen standen. Im Grunde eine Rolle rückwärts, aber eine sehr, sehr teure.
Okay, die Schwachstelle war also bekannt, zumindest intern. Aber das ist ja erstmal nur die Theorie. Sie haben hier dieses Gutachten von einem Dr. Holstein aus dem Jahr 2021. Das liest sich ja wie das Logbuch einer angekündigten Katastrophe. Nehmen Sie uns mal mit in diesen Fall im Windpark-Tempelfelde.
Gerne. Der Bericht zeichnet da wirklich eine ganz klare Chronologie des Versagens nach. Die Anlage wurde im April 2018 errichtet, ausgestattet mit genau diesem LPS-2 System.
Und lief erstmal?
Ja, zwei Jahre lang lief alles gut. Aber bei einer Inspektion im August 2020, da wurde dann ein erster Schaden festgestellt.
Und wie hat der Hersteller Vestas das bewertet? Erstmal nicht so schlimm?
Zunächst relativ entspannt, ja. Im März 2021 hat Vestas den Schaden als CAT4 serious eingestuft. Das bedeutet, in Branchenjargon, eher ernsthaft, aber im Grunde reparabel. Der Betrieb lief also erstmal weiter.
Aber dabei ist es nicht geblieben.
Nein, nur drei Monate später, im Juli 2021, entdeckt man bei einer weiteren Inspektion einen Querriss nahe der Blattwurzel. Und da gingen dann wirklich alle Alarmglocken an.
Okay.
Der Schaden wurde sofort auf Cat 5 very serious hochgestuft. Das ist die höchste Kategorie. Das bedeutet irreparabel. Die Anlage wurde umgehend stillgelegt.
Wow, das ist heftig. Im März heißt es noch, kriegen wir wieder hin und im Juni ist das Ding plötzlich Schrott. Was ist da im Inneren passiert? Das Gutachten nutzt ja diesen faszinierenden Begriff Flashover.
Genau. Ein Flashover ist im Grunde ein interner Superkurzschluss. Man muss sich das so vorstellen. Der Blitz selbst ist nur der Zünder. Die eigentliche Explosion, die findet im Inneren des Rotorblatts statt.
Wie das?
Ein Blitz schlägt in die Blattspitze ein, der Strom soll dann eigentlich durch ein spezielles, isoliertes Abbleitkabel sicher zur Nabe geleitet werden.
Soll, aber er tut es anscheinend nicht.
Exakt. Durch physikalische Effekte, Stichwort Induktivität, baut sich eine gewaltige Spannungsdifferenz auf und zwar zwischen diesem Ableitkabel und den tragenden Bauteilen aus Kohlefasern, den CFK-Gurten, die parallel dazu verlaufen. Das ist sozusagen das Rückgrat des Rotorblattes.
Und diese riesige Spannung, die sucht sich dann einen Weg.
Sie sucht sich einen Weg und sie findet ihn. Irgendwann ist die Spannung so unvorstellbar hoch, dass der Strom die isolierende Lücke einfach überspringt. Es entsteht ein Lichtbogen, also der Flashover im Inneren des Blattes.
Und der richtet den eigentlichen Schaden an.
Ja, dieser Lichtbogen hat eine enorme Hitze. Der zersetzt quasi das Epoxidharz, das die Kolefasern zusammenhält. Das Ergebnis, die strukturelle Integrität des Rotorblattes wird von innen heraus zerstört. Von außen sieht man anfangs vielleicht gar nicht viel, aber innen ist die Struktur quasi pulverisiert.
Das ist unglaublich. Das Rotorblatt begeht also durch einen Designfehler eine Art Selbstzerstörung. Und der Gutachter, dieser Dr. Holstein, der hat ja eine sehr klare Meinung, woran das liegt.
Oh ja, er nennt das klipp und klar einen grundlegenden, konstruktiven Mangel. Seine zentrale Feststellung, die zieht sich durchs ganze Gutachten ist, dass dem Blitzschutzsystem eine entscheidende Komponente fehlt, der nach der Norm zwingend erforderliche Potenzialausgleich.
Das klingt jetzt sehr technisch. Was heißt das im Klartext?
Im Grunde ist es erschreckend einfach. Das wäre eine simple, leitende Verbindung zwischen dem Ableitkabel und diesen Kohlefasergurten.
Also im Prinzip ein Stück Draht?
Ein kleines Stück Metall an der richtigen Stelle, das genau diese gefährliche Spannungsdifferenz verhindert hätte. Und weil das fehlt, so argumentiert er, ist das kein Einzelfall, sondern ein systematischer Fehler in der gesamten Rotorblatt-Serie mit diesem LPS-2-System.
Puh, das ist schon ein starkes Stück. Ein Gutachter sagt also, hier wurde eine grundlegende Norm missachtet. Aber Vestas hat doch diese offizielle Zertifizierung von DNVGL, die ja genau das Gegenteil bescheinigt.
Genau.
Wie kann das sein? Da muss doch eine der beiden Seiten fundamental falsch liegen. Und genau an diesem Punkt verlagert sich der Schauplatz vom Inneren des Rotorplatzs in den Gerichtssaal. Das zeigen uns nämlich die weiteren Unterlagen aus den Jahren 2025 und 2026.
Die Anwälte übernehmen.
So ist es. Die Versicherungsgesellschaft Baloise, die für den Schaden aufkommen muss, hat ein selbstständiges Beweisverfahren vor dem Landgericht Darmstadt gegen Vestas eingeleitet. Die Kernfrage für das Gericht ist, ist das LPS-2-System mangelhaft, ja oder nein?
Und in diesem Verfahren wird der Ton dann auch ziemlich rau, wie ich hier sehe, Vestas versucht, einen vom Gericht vorgeschlagenen Sachverständigen abzulehnen. Das ist ja schon ein drastischer Schritt.
Ein sehr drastischer Schritt, der zeigt mit wie harten Bandagen da gekämpft wird. Sie werfen dem Sachverständigen Heiko Klawitter Befangenheit vor.
Und die Begründung?
Die ist sehr aufschlussreich. Herr Klawitter hat nämlich in früheren ähnlichen Fällen schon Gutachten verfasst. Und zwar zusammen mit genau dem Dr. Holstein, dessen Bericht wir gerade besprochen haben. Und in diesen Gutachten war schon von einem Serienfehler des LPS2 die Rede.
Lautet also, der Mann hat sich seine Meinung eh schon gebildet. Der ist nicht mehr neutral.
Genau das ist die Argumentation. In dem Anwaltschreiben wird Dr. Holstein sogar als extrem tendenziös bezeichnet. Man wirft ihm vor, er würde die Zertifizierungsstelle DNV ohne jede Grundlage angreifen. Man kämpft also nicht mehr nur mit technischen Argumenten, sondern versucht, die Glaubwürdigkeit der Gegenseite komplett zu untergraben.
Das ist dann klassische juristische Kriegsführung. Absolut. Aber diese juristische Kriegsführung ist ja das eine. Während die Anwälte sich ihre Briefe schreiben, steht da draußen eine Millionen teure Anlage still und produziert keinen Strom. Und das aktuellste Dokument, das sie haben von vor wenigen Tagen vom 27. Januar 2026, das zeigt ja die brutalen finanziellen Konsequenzen.
Ja, hier wird es ganz konkret. Hier wird der Schaden wirklich greifbar. Es ist ein Schreiben, der Anwälte des Windparkbetreibers ENTEGA an die Versicherung Baloise. Und die Situation ist komplett verfahren.
Wieso?
Die Versicherung hat angeordnet, alle Reparaturarbeiten an einer beschädigten Anlage sofort zu stoppen.
Moment, lassen Sie mich das verstehen. Die Versicherung, die doch eigentlich will, dass der Schaden so klein wie möglich bleibt und die Anlage wieder ans Netz geht, die ordnet den Stillstand an. Warum denn das?
Aus rein Prozess taktischen Gründen. Das Rotorblatt ist das zentrale Beweismittel. Und das soll für den Gutachter, den das Gericht bestellt, unverändert bleiben.
Juristisch vielleicht nachvollziehbar, aber für den Betreiber eine Katastrophe. Die absolute Katastrophe. Die Anlage steht still und zwar wie die Anwälte bitte anmerken, in der windreichsten Jahreszeit. Und das kostet jeden Tag bares Geld.
Und da reden wir nicht von kleinen Beträgen.
Nein, der Betreiber beziffert den Ertragsausfall allein für den Zeitraum vom 12. Dezember 2025 bis 14. Januar 2026, also für gut einen Monat, auf exakt 106.062 Euro.
Über 100.000 Euro in einem Monat. Einfach weg, in den Wind geblasen, im wahrsten Sinne des Wortes.
Sie rechnen vor, dass der tägliche Verlust bei rund 2600 Euro liegt. Und daraufhin stellen die Anwälte des Betreibers ein knallhaltes Ultimatum.
Und das lautet?
Frist bis zum 4. Februar 2026. Entweder gebt ihr die Reparatur sofort frei oder ihr müsst verbindlich zusichern, alle weiteren Ausfallkosten zu übernehmen, die durch diesen von euch angeordneten Stillstand entstehen.
Ein klassischer Fall von „Wer die Musik bestellt, der bezahlt sie auch“. Die Fronten sind also komplett verhärtet.
Total. Der Betreiber sitzt zwischen allen Stühlen. Sein Windrad steht still, Hersteller und Versicherungen streiten sich und der Zähler für die Verluste läuft einfach immer weiter. Eine absolute Patt-Situation.
Also, fassen wir diese unglaubliche Kettenreaktion noch einmal zusammen. Am Anfang steht eine Designentscheidung. Vielleicht, um Kosten zu sparen. Diese Entscheidung führt Jahre später durch einen Blitzeinschlag zu einem Schaden, der ein Rotorblatt von innen zerstört.
Das wiederum löst einen millionenschweren Versicherungsfall aus, den in einem erbitterten Rechtsstreit mündet.
Und dieser Streit führt am Ende dazu, dass eine Anlage stillsteht und jeden Tag Tausende von Euro Verlust macht. Ein perfekter Sturm aus Technik, Recht und Finanzen.
Was dieser Fall vor allem sichtbar macht, ist die immense Komplexität hinter der Energiewende. Es geht eben nicht nur darum, ein paar Windräder auf eine Wiese zu stellen.
Nein.
Es geht um Werkstoffkunde, um Hochspannungstechnik, um internationale Normen und um dieses unglaublich komplexe Geflecht aus Herstellern, Betreibern, Zertifizierern, Versicherungen. Wenn da nur ein Glied in der Kette bricht, sind die Konsequenzen Kaskadenartig.
Und zum Schluss noch ein Gedanke, den wir Ihnen mit auf den Weg geben wollen. Die Unterlagen zeigen ja ganz klar, dieses LPS-2-System wurde offiziell von einer renommierten Stelle als Normkonform zertifiziert. Gleichzeitig argumentiert ein unabhängiger Gutachter mit handfesten physikalischen Beweisen, dass genau dieses System eine fundamentale Anforderung eben jener Norm verletzt. Das wirft eine entscheidende Frage auf, die weit über diesen Einzelfall hinausgeht. Welchen Wert hat eine Zertifizierung wirklich, wenn Ihre Auslegung im Schadensfall so heftig und mit solch gravierenden Folgen umstritten sein kann? Auf wessen Wort kann man sich am Ende verlassen?
Bearbeitet unter Zuhilfenahme von notebookML